Juli Teil 4 oder:

“I don’t weigh anything! I am like a cloud.” (The Mindy Project)

Hallo Volk,

ich weiß, es ist meine persönliche Bestzeit: 9 Tage seit meinem letzten Beitrag. Ich bin wirklich gefangen in einem Delirium aus Faulheit, Müdigkeit und Hunger. Mehr Faulheit. Weniger Müdigkeit. Da ich den ganzen Tag schlafe, umgehe ich dieses Symptom gekonnt.

Trotzdem lasse ich euch auch diese Woche natürlich nicht im Stich und berichte von meinem spannenden, abenteuerlustigen Leben – Ironie aus. Das spannendste, das ich heute getan habe, war, dass ich herausgefunden habe, dass eine Zucchini zur Gattung der Kürbisse gehört. Obwohl ich eigentlich einen Kürbis wollte, also einen abóbora (Achtung: Portugiesisch, zu Deutsch: Kürbis) oder eben abobrinha (meiner professionellen Meinung nach also ein kleiner Kürbis) kaufe,  habe ich erst heute entdeckt, dass es kein Kürbis, sondern eine Zucchini ist – abobrinha ist nämlich kein kleiner Kürbis, sondern bedeutet Zucchini. Und das, obwohl ich den Brasil Boy um Rat gefragt habe – Shame on me! (Achtung: Englisch, zu Deutsch: Schande auf mein Haupt). Halt, stopp – da der BB es mir falsch mitgeteilt hat (obwohl er sich inzwischen herausredet und steif und fest behauptet, dass ich eine Zucchini und keinen Kürbis wollte) – Shame on him! (Achtung: Englisch, zu Deutsch: Schande auf sein Haupt). Und nein: Die Farbe hat keinerlei Anlass gegeben, eine Zucchini zu vermuten. Versprochen.

Okay, was ist noch in den letzten Tagen passiert? Ich habe in meinem letzten Beitrag angekündigt, dass ich und der BB verreisen – das haben wir auch tatsächlich getan. Allerdings nicht zu einem romantischen Kurzurlaub, sondern vielmehr um seine Freunde zu treffen. Schon zuvor hatte ich einige Bedenken demgegenüber: In einer Gruppe von Brasilianerinnen und Brasilianern, ohne oder nur bedingten Portugiesisch-Kenntnissen, ein ganzes Wochenende – könnte kompliziert werden. Wurde es auch. Trotzdem verdient unser Kurztrip erwähnt zu werden, unter anderem auch deshalb, weil sonst nicht viel mehr mitteilenswertes passiert ist. Bis auf zwei Brandblasen und einem Schnitt mit einer Tasse in meinen Finger bei einem Versuch zu kochen – who can the can (Achtung: Englisch, zu Deutsch: Ich kanns) und einem romantischem Dinner, das sich als Fressgelage getarnt hat, gestern Abend. Mit einem Cocktailtower (Achtung: Englisch, zu Deutsch: Alkoholische-Getränke-Turm). Vielleicht übertreibe ich mit der Bezeichnung Turm.

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Cocktailtower – Traditionell, Melone und Erdbeer.
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Spare Ribs und Onion Rings – der BB weiß was frau will.

Zurück zum Wochenende. Dem vergangenen, nicht dem kommenden. Alles begann an einem Freitag: Wie ihr sicherlich wisst oder zumindest jetzt erahnen könnt, ist es nicht sehr einfach in Brasilien zu reisen. Okay, verglichen mit anderen Ländern ist es sicherlich einfach, es gibt befestigte Straßen, Reisebusse, Flughäfen, alles was das Herz begehrt. Aber alles liegt kilometerweit, stundenweit, manchmal sogar Zeitzonen auseinander. Nicht, dass wir irgendeine Zeitzone oder Staatsgrenze überquert hätten, wir waren konstant in einem Bundesstaat. Trotzdem.

Freitag. Um zu unserem eigentlichen Ziel, Campos do Jordao, zu gelangen, mussten der BB und ich uns schon am frühen morgen (also gegen 10 Uhr brasilianischer Zeit) auf den Weg machen. Nicht auf direktem Weg, aber semidirekt. Nach Sao Carlos.

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Ich weiß, es sieht aus wie Ribeirao Preto. Aber tatsächlich ist es Sao Carlos.

Wo wir in ein Auto umgestiegen sind, eine Pause gemacht haben, ich dem BB bei MarioKart gezeigt habe, wer die Nase vorn hat (richtig geraten – ich) und wir mit einer 60-minütigen Verspätung (gut, womöglich waren es nur 45 Minuten, aber was wäre das Leben ohne Übertreibung) aufgebrochen sind. Um die ersten drei Stunden sehr gut voran zu kommen – bis Sao Paulo. Wo der Verkehr nur noch stoockend bis gar nicht voran ging.

Doch wen interessiert der Weg, wenn, in diesem Fall, tatsächlich das Ziel das Ziel ist (die schlauen Köpfe unter euch haben tatsächlich richtig gesehen – ich habe ein Sprichwort in seine Einzelteile zerlegt und den Sinn entfernt – ich Genie)? Angekommen in Campos do Jordao, der am höchst gelegenen Stadt in Brasilien, wurde ziemlich schnell eines klar: Obwohl ich Brasilien und, speziell, den BB für seine Aussagen eines brasilianischen Winters (meiner Meinung nach eine Antithese, ein Ding der Unmöglichkeit) nur still belächelt habe (oder mich lautstark darüber lustig gemacht habe, je nachdem was besser zu mir passt), wurde ich hier binnen von Sekunden eines Besseren belehrt. Es gibt einen brasilianischen Winter. In der höchst gelegenen Stadt Brasiliens. Im Juli. Der sich als europäischer Herbst tarnt. Aber immerhin.

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Willkommen in Campos do Jordao

Nachdem wir die erste Nacht, eingewickelt in Decken, verbracht haben, zeigte sich der erste Tag unseres Trips nur bedingt fröhlich – womöglich hat sich das Wetter auch einfach nur meiner Laune angepasst, die, ich muss es leider gestehen, nicht im Keller war, sondern eher 30 Meter tief in der Erde unter dem Keller. Zumindest am Vormittag. Und für eine kurze Episode am Nachmittag. Dann ein kurzes Hoch, allerdings nur ein Zeitfenster, das sich rasch wieder geschlossen hat. Bis meine Laune zwischen Abend und Nacht noch die letzten Meter bis zum Mittelpunkt der Erde bewältigt und sich komplett verabschiedet hat. Leider.

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Laune: -30m
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Da wir quasi über den Wolken sind, führt die Treppe wohl..nicht in den Himmel.
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Laune: +15 bis 25

Jedenfalls: Schaut man sich Campos de Jordao an, fühlt frau (da es um mich geht und ich eindeutige Beweise des Vorhandenseins weiblicher Körperteile vorbringen kann) sich tatsächlich in Richtung Heimat versetzt. Fachwerkhäuser, Weihnachtsbeleuchtung, der Geruch nach gebrannten Mandeln und Glühwein, Menschen in Mützen und Schals, Felljacken und Fellschuhen, nasse Füße und frierend – ein Szenario, das ich zu Genüge von Weihnachtsmärkten kenne. Nicht aus Brasilien und schon gar nicht, niemals, im Juli. Doch wie es der Zufall so will, nutzt das brasilianische Volk (vermutlich eher die besser-verdienenden und die Personen, die nicht für eine Unterkunft zahlen müssen – also ich) Campos do Jordao, um sich selbst in den Winter zu versetzen. Inklusive weihnachtlicher Dekoration. Zwar bei durchschnittlich etwa 15 Grad, aber man muss eben mit dem arbeiten, was man hat. Wenn auch, meiner Meinung nach, Fellmützen, Felljacken, eigentlich jedes Kleidungsstück mit Fellapplikation, zu viel des Guten sind. Aber das ist nur meine Meinung, die eigentlich alles Echtfellige betrifft.

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Weihnachtsmarkt-Gefühle werden wach

Interessant ist aber, dass die Stadt, zumindest das touristische Zentrum, komplett künstlich ist. Nicht künstlerisch, nicht pittoresk (auch wenn es pittoresk aussieht), nein, künstlich. Der touristische Teil der Stadt wurde genau dafür angelegt touristisch zu sein, viel mehr noch, er versucht europäische Weihnachtsmarkt-Klischees zu kopieren. Es gibt keine Wohnhäuser, kein Zeichen dafür, dass nach Ladenschluss noch Lichter brennen. Abgesehen natürlich von den zahlreichen Bars und Restaurants, die die Touristen mit alkoholischen Heißgetränken, Fondue (Schokolade und Käse. Laut brasilianischer Meinung ein typisches Weihnachtsessen. In Europa. Da meine Familie deutsche und italienische Küche zu Weihnachten mischt, kann ich da keine genaue Auskunft geben. Nicht, dass das von Belang wäre.) und Wärme locken. Frau fühlt sich zurückversetzt in ein Winterwonderland (Achtung: Englisch, zu Deutsch: Winterwunderland). Und genau darauf ist das ganze Konzept des Zentrums ausgelegt.

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Natürlich hatten auch wie die Spezialität aus Campos: Fondue – Käse und Schokolade.

Interessant ist auch, was ein Freund mir während unseres Ausflugs in das Touristenviertel erzählt hat: Seiner Meinung nach sieht man in Campos de Jordao den Unterschied zwischen arm und reich in Brasilien am deutlichsten. Es gibt kein Zwischendrin, entweder man ist reich oder arm. Für mich überraschend, da ich tatsächlich angenommen hatte, dass Städte wie Sao Paulo oder Rio sehr viel krassere Beispiele sind. Aber ich weiß was er meinte: In Sao Paulo oder Rio gibt es auch ein dazwischen. In Campos de Jordao kaum bis gar nicht.

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Und Auf Wiedersehen aus Campos do Jordao.

Was gibt es noch zu berichten? Meine letzte Woche in Brasilien ist angebrochen, in einer Woche werde ich zurück in Deutschland sein und mich in die Vorbereitungen für Schweden stürzen – da ich mich in dieser Woche im Online-Shopping verausgabt habe, kann ich mich also daran machen, die Pakete zu öffnen, anzuprobieren, zurückzuschicken und zu packen. Außerdem werde ich in Selbstmitleid baden (und womöglich auch Tränen), da ich nicht genau sagen kann, wann, wie, wo und ob ich und der BB uns wiedersehen. Jedenfalls wird es dieses Mal eine längere (zu lange!) Pause sein. In nur neun Tagen muss und sollte ich alles machen, das vor und für Schweden gemacht werden muss – hoffen wir, dass alles so hinhaut wie ich mir das gerne vorstelle und ich es trotzdem schaffe, euch auf dem Laufenden zu halten, ob ihr es nun wollt oder nicht.

Bis dahin – até logo!

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